Ein perfektes Meeting – und dann die Vollbremsung
Dein wöchentliches Meeting zur Digitalisierung läuft perfekt. Das Team ist engagiert, fachlich stark, Vorschläge entstehen mit viel Energie und hohem Tempo. Du freust Dich: „Das läuft wie am Schnürchen.“ Am Ende stehen klare Entscheidungen und die Umsetzung kann direkt starten.
Doch im nächsten Termin die Vollbremsung: „Wo finde ich künftig Information XY?“ – „Die stellen wir nicht mehr bereit, war doch entschieden.“ – „Was??? Aber…“
Wo kommt das plötzlich her? Letzte Woche wurde eine Stunde diskutiert. Argumente ausgetauscht. Entscheidungen getroffen. Ernüchterung mischt sich mit Ärger: So kommt ihr nicht voran.
Was ist passiert?
Im Meeting wurde diskutiert, wo Dialog nötig gewesen wäre. Für die erfahrene Mitarbeiterin, seit vielen Jahren im Unternehmen, steht ein „digitaler Prozess“ vor allem für Stabilität: Bewährtes soll – nun digital – erhalten bleiben, Abläufe müssen zur Kultur passen. Die junge Kollegin, neu im Team, verbindet damit Vereinfachung, Automatisierung und Raum für Ideen aus dem Studium.
Beide sprechen engagiert. Beide nutzen denselben Begriff. Aber sie reden über unterschiedliche innere Bilder.
Das Gespräch springt trotzdem direkt in Lösungen. Vorschläge werden eingeordnet, Argumente gewichtet, Einwände bewertet. Das Problem: Die Bewertung kommt, bevor Klarheit entstanden ist. Das wirkt effizient – ist aber nicht tragfähig, weil die Basis fehlt: ein gemeinsames Bild.
Die Folge zeigt sich nun: Die formal getroffene Entscheidung wird nicht wirklich getragen. Das Meeting hat Aktivität erzeugt, aber keinen Fortschritt.
Gerade engagierte Teams verlieren in Veränderungsprozessen an Wirksamkeit, wenn Diskussionen den Dialog ersetzen und die Führungskraft die Gesprächslogik nicht aktiv steuert.
Der Unterschied ist hörbar
In Diskussionen werden Argumente verglichen und bewertet – das stärkere oder passendere setzt sich durch. Das ist zielführend, wenn bereits ein gemeinsames Bild existiert.
Im Dialog wird Bewertung bewusst zurückgestellt, um zuerst Sichtweisen zu erkunden und gemeinsames Verständnis aufzubauen. Das ist elementar, wenn unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen oder Blickwinkel aufeinandertreffen.
So erkennst du den Bewertungsmodus
Achte im Meeting auf diese Signale:
- Beginnen Beiträge mit „Ja, aber …“?
- Wird von „man muss“ oder „das geht so nicht“ gesprochen?
- Werden Vorschläge sofort eingeordnet („zu teuer“, „unrealistisch“, „die beste Lösung“)?
Wenn Du das hörst, dann ist das Team im Bewertungs- und Vergleichsmodus.
Was kannst Du als Führungskraft nun konkret tun, wenn du den Eindruck hast, dass Bewertungen zu früh kommen?
Unterbreche auch lebhafte Diskussionen und lenke bewusst in einen Dialog, z.B. mit folgenden Fragen:
- Bevor wir Lösungen vergleichen: Welche Hintergründe sollten wir noch beachten?
- Was ist an diesem Punkt besonders wichtig – und wozu?
- Welche Risiken seht ihr?
- Gibt es Aspekte, die wir noch nicht berücksichtigt haben?
Damit verschiebst du den Fokus des Gesprächs von Bewertung zu Erkundung.
So kommt ihr voran
Wenn Dialog zuerst Raum bekommt, entsteht ein gemeinsames Bild. Diskussionen werden danach nicht überflüssig – sondern wirksam. Entscheidungen werden tragfähiger, Veränderung bekommt Schwung.
Damit der Dialog nicht mehr unter den Tisch fällt: In Kapitel 6 meines Buchs „Bitte wenden“ findest Du einen Moderationsprozess, der Dialog und Entscheidung strukturiert verbindet.

