Freundlich nebeneinander – statt miteinander

Im Meetingraum sitzen fünf Führungskräfte um den Tisch – Menschen, die seit Jahren zusammenarbeiten. Und doch wirkt jede Wortmeldung wie aus parallelen Universen. Der Produktionsleiter redet von Engpässen, seine Stirn in Falten gelegt. Der Vertrieb hämmert auf Umsatzdruck ein, die Stimme eine Spur zu laut. Die IT warnt vor Systemrisiken, der Blick auf den Laptop geheftet. Jeder ringt um seine Prioritäten, niemand um das gemeinsame Ziel. Die Stimmung? Höflich und freundlich – aber jeder bleibt schön in seiner Ecke. Und während alle pflichtbewusst mitschreiben, denkt eine der Führungskräfte: „Jedes Mal dasselbe – viel geredet, nichts bewegt.“

Genau dieses Gefühl kenne ich aus vielen Führungsteams: Zwischen den Abteilungen verläuft eine unsichtbare Linie – manchmal hauchdünn, manchmal dick wie eine Mauer. Sie entsteht nicht über Nacht. Sie wächst aus verteilter Verantwortung, aus Zielkonflikten, aus Druck. Strategische Zusammenarbeit in der Führungsebene klingt in der Theorie selbstverständlich. In der Praxis sehe ich immer wieder dass viele Führungsteams eher unabsichtlich ins Silodenken rutschen. Das passiert, wenn sich niemand aktiv um die Qualität der Zusammenarbeit kümmert.

Eine meiner Coachingklientinnen hat diesen Punkt dann ganz bewusst aufgegriffen. Sie startete in eine neue Führungsrolle und wollte nicht abwarten, bis Reibung entsteht. Also lud sie ihre wichtigsten internen Partner zu kurzen Gesprächen ein – nicht über Projekte, sondern über Zusammenarbeit. Sie wollte wissen:

  • Wie erlebst du unsere Zusammenarbeit?
  • Was schätzt du, was wünschst du dir?
  • Wie kann ich dich unterstützen, deine Ziele zu erreichen?
  • Und: Wenn du an meiner Stelle wärst – was würdest du verändern?

Diese Gespräche veränderten mehr, als sie erwartet hatte. Sie bekam ehrliches Feedback, lernte blinde Flecken kennen und entdeckte, wo gegenseitige Erwartungen unklar waren. Nach einigen Wochen spürte sie den Unterschied: Der Ton in Meetings wurde offener, das Verständnis füreinander größer. Konflikte wurden nicht mehr als persönliche Angriffe erlebt, sondern als gemeinsame Themen angegangen. Die Gespräche hatten Vertrauen geschaffen – und damit den Grundstein für echte Kooperation gelegt.

Jetzt ist der richtige Moment, das auch bei dir anzustoßen. Analysiere deine wichtigsten Kooperationspartner und führe ein Gespräch über die Zusammenarbeit – egal ob du neu in der Rolle bist oder schon lange dabei. Nutze Fragen wie die oben genannten. Und vor allem: Hör wirklich zu. Denn Zusammenarbeit entsteht nicht durch gute Absichten, sondern durch echtes Interesse.

Mit jedem ehrlichen Gespräch wächst nicht nur die Qualität eurer Zusammenarbeit, sondern auch dein eigener Handlungsspielraum. Und das macht deinen Alltag als Führungskraft leichter, klarer – und erfolgreicher.