Grenzen setzen mit Haltung: Wenn Kündigungen schwierig werden
Neulich erzählte mir eine Führungskraft von folgender Situation:
Eine junge Mitarbeitende hatte nach knapp einem Jahr gekündigt. Ihre Begründung: „Ich sehe mich nicht in dieser Position.“ Schade. Während der dreimonatigen Kündigungsfrist wurde die Übergabe geplant. Etwa drei Wochen später suchte die Mitarbeitende erneut das Gespräch – mit folgendem Anliegen: Da sie ja ohnehin gekündigt habe, fehle ihr inzwischen die Motivation. Sie würde daher gerne bis zum Ende der Kündigungsfrist bezahlt freigestellt werden.
Die Führungskraft erklärte, dass das nicht möglich sei, bot jedoch eine vorzeitige Vertragsauflösung an. Daraufhin die Antwort: „Nein, das will ich nicht. Dann bekomme ich ja kein Geld.“ Am nächsten Tag kam die Krankmeldung.
Mal Hand aufs Herz: Wen von Euch haut das auch vom Hocker?
Die Führungskraft war fassungslos – und ehrlich gesagt, auch mir wäre spontan eine empörte Antwort eingefallen: Hallo? Hat da jemand das Wesen eines Arbeitsvertrags verstanden? Enthält der nicht das Prinzip Geld gegen Leistung?
Doch statt sich über solche Situationen zu ärgern, lohnt sich der Blick auf die Frage: Wie lässt sich ein klares und gleichzeitig konstruktives Gespräch mit der Mitarbeitenden führen?
Fest steht: Es ist Aufgabe der Führungskraft, die Interessen des Unternehmens, des Teams und der einzelnen Mitarbeitenden verantwortungsvoll auszubalancieren. In diesem Fall jedoch ist kein Nutzen für das Team oder das Unternehmen erkennbar – eher das Gegenteil.
Wie also könnte ein Gespräch nach dem geäußerten Wunsch weitergehen?
Mit Fragen. Fragen, die dazu anregen, die eigene Perspektive zu weiten und die Situation differenzierter zu betrachten. Hier einige Beispiele:
Verständnisfragen:
- Du hast aktuell einen gültigen Arbeitsvertrag. Wie verstehst Du die Regelungen darin?
- Wozu dient Deiner Meinung nach eine Kündigungsfrist?
- Was meinst Du: wann wäre aus unternehmerischer Sicht eine bezahlte Freistellung angemessen?
Perspektivwechsel:
- Wir haben noch keine Nachfolge für Dich. Deine Kolleg:innen müssen in der Zwischenzeit Deine Aufgaben mitübernehmen. Wie soll ich ihnen erklären, dass Du bezahlt freigestellt wirst – ohne Übergabe?
- Stell Dir vor, Du wärst in ihrer Situation: Würdest Du Dich fair behandelt fühlen? Was glaubst Du, wie sie über Dich sprechen würden?
Ziel dieser Fragen ist es, die Mitarbeitende dazu zu bewegen, ihren Wunsch zu überdenken. Wer sich in andere hineinversetzt, rückt womöglich freiwillig davon ab. Denn: Wer will schon als illoyal im Team dastehen?
Gleichzeitig gilt: Es gibt keine Garantie, dass das Gespräch wie gewünscht wirkt. In dem Fall braucht es eine klare, respektvolle Haltung – zum Beispiel formuliert in den vier Schritten der Gewaltfreien Kommunikation. So könnte das klingen:
„Ich habe verstanden, dass Du gerne bezahlt freigestellt werden möchtest.
Ich bin frustriert und enttäuscht, weil mir bei diesem Wunsch Rücksicht und Fairness gegenüber dem Team fehlen.
Als Führungskraft ist es mir wichtig, alle im Team gerecht zu behandeln und gute Bedingungen zu schaffen, damit jede:r motiviert arbeiten kann.
Deshalb werde ich Deinem Wunsch nicht nachkommen.
Ich kann Dir aber anbieten, am Ende der Kündigungsfrist x Wochen unbezahlten Urlaub zu nehmen – vorausgesetzt, Du übergibst vorher alle besprochenen Themen. Wäre das für Dich eine Option?“
Diese Formulierung enthält alle vier Elemente: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis – und eine klärende Frage. Und genau diese Frage ist essenziell: Sie übergibt den Ball an Dein Gegenüber, lädt zum Dialog ein und ermöglicht einen Austausch auf Augenhöhe – auch wenn ihr euch am Ende einig seid, uneinig zu bleiben.
Fazit:
Auch wenn ein Wunsch zunächst überzogen wirkt – ein faires, klares Gespräch lohnt sich immer. Denn wie heißt es so schön? Man sieht sich im Leben immer zweimal.
Gerne unterstütze ich Dich im Führen schwieriger Gespräche. Komm einfach auf mich zu.

